Burg Steckelberg bei Ramholz, hessische Rhön
Die Fehldatierung des "Batterieturms"





Die Geschichte der Steckelburg dürfte hinreichend bekannt sein. Darum folgt hier nur ein kurzer Abriß:


Jeder nimmt ungefragt zur Kenntnis, daß der sogenannte Geschützturm aus dem Jahr 1509 stammen soll – aber ist dem tatsächlich so? Sieht man sich den Turm und seine Einfügung in das Gesamtbild der Burg in Ruhe an, fallen einige Unstimmigkeiten zur bisherigen Geschichte auf.


Die Eingangstür:

Von der Ausarbeitung her ist die Bauzeit der Tür mit der Jahreszahl >1509< stimmig. Schaut man sich dagegen die Einfügung der Tür in das Mauerwerk des Turms an, fällt sofort auf, das ansonsten durchgängige Mauerwerk hier gestört ist. Die Tür ist eindeutig sekundär, also erst nach Fertigstellung des Turms eingesetzt worden. An ihrer statt befand sich eine Schießscharte, die mit der über der Tür liegenden Scharte und denen im Erdgeschoß korrespondierte .

Ein Foto der verschwundenen Burg in Vollmerz ist hierbei ein Glücksfall, der nebenbei beweist, daß die Tür aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt. Dieses Foto zeigt eine Tür aus dem Jahre 1537 mit den gleichen Details, wie sie die Steckelberger Tür aufweist.

Warum sollte genau an der Stelle, die wirksam den Haupteingang zur Burg (durch den Wohnbau), deckte, eine Tür anstelle einer Schießscharte sein?




               
          

Der Turm mit der besagten Tür, darüber eine Scharte.                                          Das Mauerwerk zeigt den nachträglichen Einbau in den Turm

 

 

 

                                                                    Grundriß des Turmes mit anschließendem Beringbereich

 

 

 


Vergleich der Tür mit  der Tür in einem Nebengebäude der 1962 abgerbrochenen Burg Vollmerz mit der Jahreszahl 1537.

Die identische Baugestalt ist offensichtlich.


Die Schießscharten:

Das eindeutige Zeugnis, daß der Turm nicht Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet wurde, bieten die Formen der Schießscharten,. Für die bislang angenommene Bauzeit sind die Scharten hoffnungslos veraltet und überholt. Das 16. Jh. bevorzugte z. B. sogenannte Maulscharten, die - wie ihr Name schon sagt - mehr breit als hoch sind sowie möglichst schmale Scharten, die nach innen bereits Abstufungen wie Bunkerscharten vorweisen.

Scharten, wie sie der Steckelberger Turm hat, finden sich auch an anderen Burgen:

 


 

Frauenburg                                               Neidenstein                                         Sterrenberg

 


Schönburg                                                                                                Reichenburg

 


Katz                                                                                                        Lichtenstein

 

Diese kleine Auflistung soll genügen, um zu zeigen, daß die Steckelberger Scharten in die zeit des 14. Jahrhunderts gehören. Die Entwicklung und Verbreitung von Bauformen verlief nicht einheitlich, sondern auf einer West - Ostachse; deswegen erscheint diese Schartenform im generell fortschrittlicheren Rheingebiet wesentlich früher als im konservativen Franken.

Ausgerichtet waren die Scharten noch für Armbrüste und Bögen, weniger für Handfeuerwaffen. Die älteste, zielgenaueste Form aus dem 15. Jh., die Hakenbüchse, hatte ihren Namen von einem haken am unteren Bereich der Mündung, der den Rückstoß beim Beschuß aufhalten sollte. Scharten für Handfeuerwaffen wie die Maulscharte oder die Schüssellochscharte waren speziell für diese ausgerichtet, gehören aber erst etwa in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Anfang des 14. Jahrhunderts tauchten die ersten Feuertöpfe auf, die, auf festes Holzgestell montiert, Pfeile verschossen.

In Deutschland waren Handbüchsen bereits um 1340 bekannt und gehörten um 1390/1420 endlich zur Standartausrüstung einer Burg, wobei Armbrüste weiterverwendet wurden.

Die Bezeichnung „Batterieturm“ oder „Geschützturm“ ist unzutreffend, da damit ein Verteidigungswerk für größere Geschütze gemeint ist, für welche die Steckelberger Scharten nicht ausgelegt sind. „Vorspringender Flankenturm“ trifft es hier besser.

Den eindeutigsten Hinweis, daß Turm und Burg einer Bauzeit angehören, sind die Lichtscharten im Bering der Rechteckanlage. Diese sind von der gleichen Machart wie die Turmscharten. Ein nachträglicher Einbau kann außen wie innen nicht festgestellt werden.


Die Turmrückseite:

An der Hofseite des Turmes findet sich eine vermauerte Tür. Form und Größe lassen tatsächlich auf das ehemalige Burgtor schließen. Auch die Spitzenbogentür und das darüber liegende Fenster gehören zum Originalbestand. Es steht außer Zweifel, daß das Burgtor anläßlich der Errichtung des Turmes vermauert wurde. Die Frage des „Wann“ wäre noch zu klären, dazu siehe den Abschnitt „Baugründe für den Burgbau 1387/88“.


das Mauerwerk:

Wäre der Turm tatsächlich Anfang des 16. Jh. erbaut worden, würde seine Mauerwerk völlig anders gestaltet sein. Zu dieser Zeit bestand das Mauerwerk (vor allem an Befestigungsanlagen) meist aus großen, unregelmäßigen Quadern ; die Zwischenräume wurden mit kleineren Steinen gefüllt. In der Mitte der großen Quader finden sich generell Zangenlöcher, die von den Transportzangen der Flaschenzüge herrühren.

 

Mauerwerkdetail mit Scharte des Büdinger Untertores (1502)

 

Das 14. Jh. kannte diese Mauerwerkstechnik noch nicht. Hier wurden Quaderlagen im Wechsel mit (klienteiligem) Bruchstein benutzt. Sieht man sich die Mauern der Burg und des Turms im Zusammenhang an, so wird mit einem Blick das identische Gefüge von Mauerart, Gesteinsart und -farbe deutlich „vor Augen“ geführt.

 

Steckelburg: des Mauerwerks an Turm (links) und Bering) sind von gleicher Bauweise.


Baugründe für den Zeitraum 1387/88:

Durch die Heirat Frowins v. Hutten mit Markart v. Steckelberg wurden die Hutten Erbnachfolger eines Teils des Steckelberger Besitzes. Ein Teil dieses Erbes wird 1358 an Ulrich v. Hanau verkauft. Sein Sohn Ulrich erbaut, da er sich wohl als legitimer Rechts- und Besitznachfolger der alten Steckelburg sieht, die neue Anlage. !373 wird Frowin II. v. Hutten und einige seiner Leute bei einem heftigen Streit in Steinau mit Ulrich v. Hanau erschlagen. Dieses Ereignis, obwohl durch eine Geldsumme gesühnt, verschlechterte das Verhältnis beider Familien extrem.

Nach der Zerstörung der alten Steckelburg wurde von König Rudolf v. Habsburg bestimmt, daß auf dem Berg niemals wieder eine Burg erbaut werden durfte. Hutten verlegte den Bau der neuen Burg 500 Meter von diesem Berg weg, in der Meinung, dieser alten Anordnung Genüge getan zu haben. Nur lag der neue Bauplatz in beherrschender Lage über Hanauer Ländereien und gehörte dem Bistum Würzburg. Hanau wollte mit Waffengewalt den Bau unterbinden. Ein Waffenstillstand im Mai 1388 setzte Ulrich v. Hutten in den ungestörten Besitz der neuen Steckelburg, doch durfte er sie nicht weiter befestigen. Auf Seiten Ulrichs standen Mainz und Würzburg; beiden Bistümern gewährte er im Juni bzw. Juli das Öffnungsrecht. Dieses Öffnungsrecht ermöglicht es dem Rechtsempfänger, die Burg im Kriegsfall nutzen zu dürfen. Die Burg wird gleichzeitig mit diesem Recht Würzburger Lehen.

Ende Juli 1388 wird zwischen Hanau und Hutten ein Friedensvertrag geschlossen, worin Ulrich gelobt, von Steckelberg aus Hanau nicht zu befehden.

Hutten wußte gewiß, daß der Bau der Burg Schwierigkeiten hervorrufen würde. Der Bau eines Verteidigungswerkes macht da durchaus Sinn. Möglich ist, daß gerade wegen der Brisanz des Burgenbaus zunächst die Wohn- und Wirtschaftsbauten errichtet wurden, um dann unter Schutz des Bistums Würzburg Befestigungen wie Zwinger und, Flankentürme hinzuzufügen.

So wäre zu erklären, warum das Burgtor vermauert wurde, jedoch bleib ein zweiter Zugang in den Turm offen. Diese Tür wurde viel später ebenfalls zugesetzt.

Der Tum dürfte sehr bald nach 1387/88 errichtet worden sein. Die Vermauerung des Burgtors verlangte nach einem neuen Zugang, der wohl durch den anschließenden Wohnbau führte.


Das vermauerte Tor von innen. Die Pfeile deuten auf die Fugen der

kleineren Tür.


Gründe für den Einbau der Tür im Jahre 1509:

Der im Innern des Turmes befindliche Kamin wurde durch Freiherr Hugo von Stumm errichtet, ebenso übrigens die rundbogige Tür im Wohntrakt Auch das Bodenniveua im Turm wurde erhöht.

Sei 1495 hatten alle Huttenzweige, im alleinigen Besitz der Burg, Anrechte bzw. Ganerbenteile an ihr. 1497 waren die Hutten-Gronau endgültig alleinige Bewohner der Burg und trugen alleine die Unterhaltungskosten. In einem Brief an den Bischof von Würzburg am 9.4.1509 schreibt Ulrich, daß er 200 Gulden an der Burg „verbaut“ habe um den Verfall aufzuhalten, somit bezieht sich das wohl auf den Umbau des Flankenturmes. Wozu sollte eine marode Burganlage, die Sicherungsarbeiten nötig hat, durch ein (veraltetes) neues Rondell geschützt werden? In dem Brief steht ausdrücklich, wenn er (Ulrich) nicht wäre, die Burg schon längst ein Schutthaufen sei. Die aufgebrachte Summe wird für Sanierungsarbeiten genutzt worden sein. Für die Bezahlung eines Befestigungsturmes inklusive Löhne und Baumaterial war die Summe von 200 Gulden nicht ausreichend. Sichtbarer Hinweis für seine „Alleinherrschaft“ über die Burg sollte für alle die Inschrift über der Tür sein.

 

Joachim Dittrich 2006/2009